Pierre Pétrequin

Sociétés à évolution lente ou fantasmes occidentaux? Le temps du Neolithique (6000-2100 av. J.-C.)

Übersetzter Titel: Gesellschaften mit langsamer Entwicklung oder abendländische Phantasien? Die Zeit des Neolithikums (6000-2100 v. Chr.)

Die Dendrochronologie kann das Alter von Holz relativ exakt bestimmen. Sie hat zu einer grundlegenden Wende für die Archäologie geführt, weil sie ermöglicht, den Fluss der Zeit mit dem Rhythmus der Sonnenjahre in Verbindung zu bringen und ihn so zu strukturieren. Ausgehend von einigen Fallstudien (Steinaxt in Westeuropa, demographische, technische und kulturelle Entwicklung von Dörfern am Rande des französischen Jura), hat man anhand einer detaillierten Analyse mittels chronologischer Schnitte im Abstand von 10-20 Jahren versucht, mehr über die Menschen aus der Zeit des Neolithikums herauszufinden.
Wenn man vom Neolithikum spricht oder Gesellschaften beschreibt, die Landwirtschaft treiben und nicht in die Weltwirtschaft integriert sind, wird meist noch der ungenaue Begriff der «langsamen» oder «kalten Kulturen» verwendet. Es scheint sich aber je länger je mehr zu bestätigen, dass dieses Konzept eine Kopfgeburt unseres abendländischen Ethnozentrismus ist. Die Vorstellung von peripheren oder untergegangenen Welten, wo immer alles beim alten blieb beziehungsweise bleibt, muss - sofern die heutige Zeit auf diese «Gegenwelten» verzichten kann - endlich aufgegeben werden. Tatsächlich kann man für die Zeit zwischen 6000 und 2000 v. Chr. zeigen, dass die technische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa grosse Fortschritte machte, manchmal aber auch wieder stagnierte. Es gab sogar Rückschritte; vor allem in Bereichen, wo wir das nicht erwartet hatten. Werkzeuge besitzen nämlich auch einen sozialen Sinn, der über ihre praktische Funktion hinsichtlich ihrer technischen Effizienz hinausreicht; sie sind sozial bewertet, um Teil des gemeinschaftlichen Lebens zu werden. In diesem Bereich des «sozialen Lebens» der Werkzeuge und Techniken scheintwohl der gemeinsame Nenner zwischen unserer eigenen gesellschaftlichen Organisation und peripheren oder untergegangenen Gesellschaften zu liegen.
Wenn Gesellschaften komplexer werden, zeigt dies offenbar nur, dass man sich bemüht, die Beziehungen zwischen den Menschen zu regeln, bis an die Stelle sozialer Akteure Artefakte treten.

(Übersetzung: Marietta Meier)

Erschienen in: traverse, 1997/3, S. 48.

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