Anne Waldschmitt

Soziales Problem oder kulturelle Differenz? Zur Geschichte von «Behinderung» aus der Sicht der «disability studies»

In diesem Beitrag geht es zum einen darum, die Geschichte der Behinderung zu skizzieren. Die Aufarbeitung internationaler Forschungsergebnisse konzentriert sich dabei auf die Frage, auf welche Weise verkörperte Differenz in den verschiedenen historischen Epochen problematisiert wurde und wie es dazu kam, dass unterschiedliche Phänomene gesundheitsrelevanter Abweichung unter der Kategorie «Behinderung» zusammengefasst wurden. Zum anderen wird die Historiographie der Disability Studies beleuchtet. Exemplarisch lässt sich herausarbeiten, dass auch in diesem Diskurs das Differenzierungsmerkmal Behinderung vorzugsweise als «soziales Problem» konzeptionalisiert wird. Im Anschluss an das «soziale Modell von Behinderung» findet sich eine auf wohlfahrtsstaatliche Politik fokussierte Geschichtsschreibung, die sich grob in eine «Repressionsgeschichte» und eine «Widerstandsgeschichte» unterteilen lässt. Daneben gibt es viel versprechende, kulturwissenschaftliche Versuche, die mit diskurs- und differenztheoretischen Ansätzen arbeiten und Behinderung als «kulturelle Differenz» begreifen. Indem Behinderung als kontingenter Gegenstand aufgefasst wird, dessen Konstruktion ein Charakteristikum (post-)moderner Gesellschaften darstellt, wird der Anspruch erhoben, einen Beitrag zur Erforschung der Moderne zu leisten.

Erschienen in: traverse, 2006/3, S. 31.

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