Stefan Hanß

Eigene und fremde Zeiten im 16. Jahrhundert

Die Untersuchung missionarischen Schreibens über nicht-europäische Zeitvorstellungen in der Frühen Neuzeit soll für hierarchisierende Logiken sensibilisieren, die auch im historiografischen Schreiben über frühneuzeitliche Zeitvorstellungen im 20. Jahrhundert anzutreffen sind. Statt Zeit zu essentialisieren, werden Kontexte des Schreibens über Zeit(en) daraufhin untersucht, wie sie der Beanspruchung kultureller Überlegenheit dien(t)en, um spezifische Selbstbeschreibungen zu artikulieren. Im Schreiben über andere Zeiten «zeiteten» sich Missionare selbst, indem sie Fremdheit als objektivierende und hierarchisierende Kategorie innerhalb des Heilsplans konstruierten. Wenn sie Uhren verschenkten, war Beschleunigung heils- und nicht fortschrittstheoretisch normiert. Fortschritt war dann nicht das Ziel einer Geschichte, für deren Entwicklungsgrad Technik als Indikator fungierte, sondern Technologie stellte vielmehr ein Mittel zur Beschleunigung des Heilsplans dar. Diese Uhren können daher nicht als Export von Zeitpräzision gelesen werden. Statt historiografisch etablierte Zeit-Narrative über historische Zeitwahrnehmungen vorauszusetzen, sind die pluralen Zeitwahrnehmungen der Akteure selbst zu untersuchen.

Erschienen in: traverse, 2016/3, S. 25.

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