Adrian Zwahlen

Das Textil- und Transportgewerbe des mittelalterlichen Hofs «Schoretshueb», St. Gallen. Mikrogeschichte als wichtiger Zugang zur Erforschung des ländlichen Nebengewerbes

Das kommerzielle Interesse der ländlichen Bevölkerung wie auch das ländliche Nebengewerbe wurden in der Forschung bisher zu wenig beleuchtet. Lange Zeit standen sich deshalb Stadt und Land als Antipoden gegenüber, wobei das Land als rückständig und von der Stadt dominiert dargestellt wurde. Der in jüngster Zeit vermehrt zu beobachtende Fokus auf die ländlichen Akteure hat diese Stadt-Land-Darstellung revidiert und der ländlichen Bevölkerung mehr Eigenständigkeit und Bedeutung beigemessen. In der spätmittelalterlichen Nordostschweiz zeigt sich dies exemplarisch: Die Landwirtschaftsproduktion in der Region um die Stadt St. Gallen war stark spezialisiert und auf Austausch und Handel ausgerichtet. Es bildeten sich drei komplementäre Produktionsregionen, in denen jeweils vorwiegend Getreide, Vieh oder Wein hergestellt wurde. Parallel dazu erlebte die Region im 15. und 16. Jahrhundert einen bemerkenswerten Aufschwung im Bereich der Leinwandproduktion und des Leinwandhandels, von welchem die Stadt St. Gallen nachweislich finanziell profitieren konnte. Es ist anzunehmen, dass auch die ländliche Bevölkerung im Umland als Rohstoffproduzent durch das Textilgewerbe finanzielle Gewinne realisierte. Die Mikrogeschichte zum Textil- und Transportgewerbe des mittelalterlichen Hofs Schoretshueb zeigt Möglichkeiten auf, wie der Bereich des ländlichen Nebengewerbes besser erfasst werden könnte. Die der Studie zugrunde liegenden Zinsbücher des Heiliggeist-Spitals St. Gallen ermöglichen einen detaillierten Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung einzelner Höfe. Die Schoretshueb gab zwischen 1440 und 1570 jährlich Flachs an das Heiliggeist-Spital ab. Zudem zeigte sich, dass die auf dem Hof ansässigen Familien einen beträchtlichen Teil des abzugebenden Geld- und Getreidezinses durch Transportdienstleistungen substituierten. Weitere Mikrogeschichten würden nicht nur die Geschichte der Schoretshueb in einen regionalen Kontext einbetten, sondern auch im Bereich des ländlichen Nebengewerbes zu neuen Erkenntnissen führen.

Erschienen in: traverse, 2014/2, S. 29.

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