Martine Ruchat

Nommer l'enfant vicieux au XIXe siècle. La violence des mots dans la protection de l'enfance, à l'exemple de la ville de Geneve

Übersetzter Titel: Das «lasterhafte Kind» im 19. Jahrhundert. Die Gewalt der Worte beim «Schutz» der Kinder am Beispiel der Stadt Genf

Die Beziehung zum Kind ist eine Machtbeziehung. Die Autorin beschreibt die von den Erwachsenen in doppeltem Sinn, symbolisch und in Wirklichkeit,
kolonisierte Welt der «lasterhaften» Kindheit im 19. Jahrhundert am Beispiel von Genf.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kommt die philantropisch motivierte Beschäftigung mit den Fragen des Schutzes von Kindern auf. Damit verbunden ist ein doppelter Prozess: zum einen entstehen problematische soziale Kategorien, nämlich die der vernachlässigten Kinder und die der «lasterhaften» Kinder, zum anderen wird diese neu wahrgenommene Kindheit als solche konstituiert, und zwar im Rahmen von Diskursen, in denen sowohl Alarm geschlagen als auch der Gedanke des Schutzes propagiert wird.
In den Worten enthüllen sich die bürgerlichen Vorstellungen über die breiten Schichten des Volkes, im besonderen aber jene über die Kinder. Auf diese Gruppen projizieren die Bürgerinnen und Bürger auch Wahnvorstellungen wie etwa jene von der Barbarei, die die Stadt Genf erfassen und den zivilisatorischen Fortschritt be- oder gar verhindern könnte.
Dagegen wird das Gewicht einer vielfältigen philantropischen Literatur mit evangelikalem Einschlag gesetzt: der Müssiggang ist die Quelle des Lasters und der Liederlichkeit. Die Kneipe und die Strasse sind Orte des Bösen. Ebendahin begeben sich die Mitglieder der Komitees für den Schutz der Kinder, um die «vernachlässigten» unter ihnen aufzuspüren. Sie gehen aber auch in die Wohnungen der Familien, um Enqueten durchzuführen. Als Folge dieser Arbeit des Aufstöbems und des Erstellens von Statistiken vervielfältigen sich die Figuren des Bösen: Untätigkeit und Müssiggang, Rebellion, Widerstand gegenüber Autoritäten, die Schule schwänzen, Prostitution, Revolte.
Die Gewalt der Worte besteht darin, mit in der Regel abwertenden Begriffen Verhaltensweisen zu bezeichnen, die nicht jenen Normen entsprechen, die von den Angehörigen einer sozialen Klasse festgeschrieben werden, die sich als überlegen und höherstehend betrachtet. Die institutionelle Gewalt zeigt sich in Form von Lösungen, bei denen das Kind aus seinem familiären und sozialen Lebenszusammenhang herausgerissen und einer korrektionellen Erziehung unterworfen wird, die aus den Kindern Zöglinge des Staates macht und sie jeglicher Freiheit beraubt.
Der Schutz der Kinder, wie er sich in Genf im 19. Jahrhundert entwickelt, wird so zu einer Kolonisation von Seelen und von Sitten.

Erschienen in: traverse, 1995/1, S. 99.

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