Daniel Kauz

Schweigen in der Krise. Fürsorge und Pflege Krebskranker in der Schweiz (1955–1980)

Zwischen 1950 und 1980 wandelte sich in der Deutschschweiz die Art und Weise, wie die Kommunikation mit den Erkrankten über ihren Krebsbefund geregelt wurde, grundlegend: weg von einer Praxis des Verschweigens hin zu einer Praxis, mit «Wahrhaftigkeit» zu informieren. Zu Beginn dieses Wandels stand die Institutionalisierung einer föderalistisch organisierten Krebsfürsorge. Diese neu geschaffenen Einrichtungen waren darauf ausgerichtet, Krebskranke zu beraten, zu begleiten und finanzielle Hilfestellungen zu leisten. Wie die Fürsorgerinnen innerhalb der jeweiligen Strukturen in ihrem alltäglichen Umgang mit Patientinnen und Patienten das gebräuchliche ärztliche Kommunikationsregime umsetzten, variierte beträchtlich. Dies war nicht nur abhängig von ihrer Nähe zu medizinischen Institutionen, sondern vielmehr eine Frage fest gefügter kultureller Umgangsweisen mit Krebserkrankungen, wie der Vergleich mit der Romandie zeigt. Der in den 1970er Jahren einsetzende Wandel in der Gesprächsführung mit den Kranken stand in engem Zusammenhang mit tief greifenden Transformationsprozessen von Autoritäts-, Kompetenz- und Machtverhältnissen zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren der medizinischen Behandlung und Betreuung Krebskranker. Die Infragestellung des von Ärzten aufgestellten Schweigegebots ist dabei massgeblich aus der Beratungs- und Betreuungspraxis in der Fürsorge und der Pflege hervorgegangen.

Erschienen in: traverse, 2012/2, S. 125.

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